Überspitzt gesagt, verläuft mein Arbeitsweg durch die Hölle zum Himmel. Wenn ich am Kölner Neumarkt aussteige, freue ich mich jedes Mal aufs Neue auf einen der wunderbarsten Orte der Stadt. Ein Ort, den ich genauso auf meinen imaginären Wunschzettel geschrieben hatte und die Erfüllung dennoch für unwahrscheinlich hielt: ein wunderschönes Büro gut zu erreichen, mit ganz vielen wunderbaren Kolleginnen und Kollegen, die auch alle schreiben, mit viel Austausch und gemeinsamen Veranstaltungen, das ganze auch noch sehr günstig, ach ja, gerne Altbau mit hohen Stuckdecken und einer kleinen Bibliothek…. Das alles kam fast aus dem Nichts, nachdem ich sehr lange in Sachen Arbeitsplatz große Kompromisse eingegangen bin. Der üppige Rosenbogen über der Tür wunderte mich schon gar nicht mehr und bringt mich jedes Mal zum Lächeln, wenn ich die Tür zum Schreibraum aufschließe.
Die Gleichzeitigkeit von so wunderbaren und hässlichen Orten in Köln
Aber am Anfang des Weges liegt eben der Neumarkt und Josef-Haubrich-Hof, der ganz schön die elende Seite dieser Stadt widerspiegelt. Drogenhotspot und Kriminalität mitten in Köln. Und ja, es ist die letzten Jahre schlimmer geworden, viel schlimmer, seit die Stadtbibliothek auf dem Weg geschlossen ist, die den perfekten Gegenpol zur Verelendung geboten hat.
Die Verwahrlosung des Neumarktes ging kürzlich durch die lokalen und manche überregionalen Medien. Es gab Vorschläge und Resignation, Wut und Enttäuschung.
Ja, mich nervt der Müll auch manchmal, aber schlimmer ist die Hoffnungslosigkeit. Die Vorstellung, dass jeder dieser Menschen irgendwann mal ein geliebtes Baby war, ein Kind, das auch einen anderen Weg hätte einschlagen können, zerreißt mir das Herz. Und noch mehr die Erkenntnis, dass viele von ihnen Liebe und Geborgenheit von Anfang an vermisst haben. Wer weiß, wie viele von Anfang an nicht viel vom Leben erwartet haben.
Manche der Junkies sehe ich seit Jahren verfallen, ohne irgendwas über ihr Leben zu wissen. Letztens habe ich einem auf seine Bitte hin was beim Bäcker gekauft und mich gefreut, dass er sich trotz allem noch freuen konnte. Und trotzdem ist da bei mir auch immer eine Portion Gleichgültigkeit und Gewöhnung, um mir meine Vorfreude auf meinen Rückzugsort nicht nehmen zu lassen. Vielleicht ist es auch gesunde Abgrenzung.
Ich laufe also wieder einmal weiter und nach der Nord-Süd-Fahrt sehe ich vor mir eine Nonne, offensichtlich alt und nicht mehr ganz so fit, aber fit genug, um sich alle paar Schritte zu bücken und mit einer Zange Müll einzusammeln.
Als ich sie überhole, bedanke ich mich bei ihr dafür. Und sie strahlt mich an, erzählt mir, dass sie es regelmäßig mache, es mit der Zeit weniger Müll werde und sie immer mehr Leute ansprechen, dass sie jetzt auch mal Müll einsammeln. Und sie bedankt sich bei mir für das Bedanken.
Ich denke an den Post einer Kollegin, Sandra Aslund, die schrieb, wie sie beim Warten auf den Bus immer Müll einsammle und auf einmal die Jugendlichen an der Haltestelle mitmachen würden. Und ich will das jetzt auch wieder öfter machen. Einfach mal Müll vom Bürgersteig in die nächste Tonne werfen. Tut nicht weh.
Ich erzählte einigen Leuten von der Begegnung, eine Antwort war, ob davon jetzt die Kriege in der Welt aufhören würden? Nee, tun sie leider nicht. Und auch die Junkies werden davon nicht clean. Aber von Resignation und Zynismus auch nicht. Aber solche kleinen Aktionen machen nicht nur das Umfeld ganz faktisch schöner, sondern schenken uns auch ein Stück Selbstwirksamkeit.
Als ich danach einen leeren Durstlöscher, der sich beim Aufheben allerdings nicht als ganz leer entpuppte, einsammelte, dachte ich, ich habe die Welt gerade ein kleines bisschen schöner gemacht.
Vielleicht wirkt das ja wie ein umgekehrter „Broken-Windows-Effekt“. Nach dieser Theorie kann ein einziges kaputtes Fenster ein Viertel zu Grunde richten. Wo schon Müll liegt, werfen Leute gern mehr dazu.
Genau wegen solcher Theorien pflanze ich auch gerne an unserer Straße vor dem Haus Blumen und freue mich über jede Blüte, die ich auf meinen Wegen durch die Stadt entdecke. In diesem Sinne wünsche ich dir und mir stetes Aufblühen und danke allen, die die Welt auf welche Art auch immer jeden Tag ein bisschen schöner machen.