Warum jammern wir eigentlich?

Achtsam Jammern

Auch wenn das Jammern kurzfristig einige Bedürfnisse befriedigt, gibt es hilfreichere Strategien, um mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Heike Abidi und ich haben ein Buch darüber geschrieben: Achtsam Jammern. In diesem Interview verraten wir schon ein paar unserer Gedanken.

Sebastian Maurer von Goldegg hat uns ein paar Fragen zu unserem Buch gestellt, die wir sehr gerne beantwortet haben:

Beschreibt euer Buch „Achtsam Jammern“ in einem Satz.

Heike: Unser Buch soll auf humorvolle und unterhaltsame Weise dabei helfen, zu verstehen, warum Jammern manchmal guttut, weshalb es aber fatal sein kann, in einer Jammerschleife zu verharren, wie man sich daraus befreit – und wie man mit Menschen umgeht, die einen permanent volljammern.

Warum jammern wir überhaupt gerne?

Heike: Zunächst einmal ist Jammern ein Ventil. Manchmal muss man sich eben gepflegt auskotzen, das gilt selbst für Optimisten. Zudem bekommen Menschen, die jammern, auch Aufmerksamkeit, Zuwendung, Verständnis, Mitleid oder Tipps und Hilfsangebote. Und dann gibt es noch das soziale Jammern, bei dem man sich durch ein gemeinsames Klagethema solidarisiert und sich dadurch nicht mehr so allein mit seinem Problem fühlt.

Klagen, sudern, gränne, etc. Wieso ist das Jammern gerade im deutschsprachigen Raum so beliebt? Denn an sich geht es uns ja recht gut, oder?

Heike: Im Lebensstandard-Ranking liegen die Deutschen ja ganz weit vorne, in der internationalen Zufriedenheitsskala jedoch nicht mal unter den Top Ten. Wir sind nun mal sehr gut darin, Mängel zu identifizieren, aber fühlen uns nicht dafür zuständig, sie zu beheben. Genau da hakt es. Probleme zu erkennen, ist nur ein erster Schritt – jetzt müssten wir nur noch besser darin werden, kreative Lösungen zu finden. Dann wäre uns ein vorderer Platz im Glücksranking sicher.

Wieviel bringt uns das Jammern eigentlich wirklich?

Daniela: Das ist wie mit der Schokolade oder dem Wein – in Maßen genossen, kann uns beides guttun oder zumindest Spaß machen. Manchmal ist aber schon ein Glas zu viel, vernebelt unsere Sicht, macht uns zu schlechten Gesprächspartner*innen und bereitet uns noch am nächsten Tag Kopfschmerzen, ohne dass sich unser Problem verbessert hätte. Im besten Falle bringt uns (achtsames) Jammern etwas mehr Klarheit über unsere Lage, Energie, die Situation zu ändern, oder das Gefühl der Nähe zu guten Zuhörer*innen oder Leidensgenoss*innen. Allerdings sollte Jammern nie Selbstzweck sein, sondern immer ein Sprungbrett für die Verbesserung der Situation. Nur dann bringt uns Jammern überhaupt irgendwas.

Was heißt es, achtsam zu jammern?

Heike: Es fängt damit an, sich selbst zuhören und zu registrieren, dass man mal wieder jammert. Dann ist es wichtig, sich zu fragen, ob dieses Jammern gerade guttut. Zum Beispiel weil wir dabei Dampf ablassen oder uns beim Reden das eigentliche Problem klarer wird. Vielleicht fällt uns dabei sogar eine Lösung ein. Dauernörgeln dagegen macht einfach nur schlechte Laune und hilft niemandem weiter. Wer achtsam jammert, richtet seinen Fokus stärker auf die positiven Aspekte des Lebens, und dazu gehört es auch, aktiv nach Lösungen zu suchen und Jammeranlässe zu beseitigen.

In eurem Buch schreibt ihr, dass wir für unser Jammer-Verhalten viel von Kindern lernen können. Wieso das?

Heike: Natürlich jammern Kinder auch gerne mal, zum Beispiel wenn sie unbedingt etwas wollen oder etwas nicht dürfen. Aber sie jammern anlassbezogen, und das geht auch meist schnell vorbei. Denn ihre Grundeinstellung ist viel optimistischer als die vieler Erwachsener. Sie erleben alles als spannend und interessant, ihr Leben ist eine einzige Entdeckungsreise. Erwachsene dagegen nehmen Negatives viel bewusster wahr und sind auch mehr darauf fixiert. Es wäre also eine Art Anti-Jammer-Training, die Welt wieder mehr wie ein Kind zu sehen.

Wie merke ich, dass ich zu viel jammere?

Daniela: Wenn ich grundsätzlich alles negativ sehe, ist es auch wahrscheinlich, dass meine Gespräche oder Monologe sehr jammerlastig sind. Vielleicht haben wir uns das Jammern aber auch einfach angewöhnt, weil wir es nicht anders gelernt haben. Das eigene Kommunikationsverhalten zu reflektieren, offenbart schnell ungesunde Muster. Hilfreiche Fragen dafür: Wieviel der Redezeit nehme ich in Anspruch? Wie fühle ich mich nach dem Gespräch? Erleichtert und verstanden oder nur bestätigt, dass ich Grund zum Jammern habe? Will ich Rat oder nur meinen Frust loswerden? Sind es immer dieselben frustrierenden Themen, um die es geht? Wie viel Freude macht es meinem Gegenüber, mit mir zu sprechen?

Keine Frage, in schwierigen Zeiten ist es ein Geschenk, sich ausweinen zu können und Gespräche dürfen hier für beide Seiten auch mal herausfordernd sein. Aber Dauerjammern, ohne etwas zu ändern, zementiert Probleme nur. Ganz Mutige fragen am besten ihr enges Umfeld, ob sie zu viel jammern.

Und gleich die Frage von der anderen Seite: Wie reagiere ich, wenn sich jemand zu viel bei mir ausjammert?

Daniela: Das kommt sehr auf die Beziehung und die Umstände an. Bei einem guten Fundament hält eine Beziehung auch mal etwas mehr Jammern oder einseitige Kommunikation aus. Und wenn jemand aus unserem nahen (oder auch weiteren) Umfeld gerade wirklich in einem Jammertal feststeckt, dann sollten wir ihm oder ihr zur Seite stehen und unsere eigenen Befindlichkeiten auch mal hintanstellen. Manchmal ist es aber auch hilfreich, den anderen liebevoll darauf hinzuweisen, dass es bessere Lösungsstrategien als das Jammern gibt. In anderen Fällen ist es reiner Selbstschutz, sich ganz klar abzugrenzen und im Notfall die Kommunikation abzubrechen.

Ganz oft reicht es jedoch schon, das Thema zu wechseln oder gezielt nach schönen Erlebnissen zu fragen. Wer außerdem die Bedürfnisse hinter dem übertriebenen Jammern erkennt, findet einfacher einen Weg, diese auf beiden Seiten zu erfüllen.

Jammern in der Beziehung? Wieviel kann mein/e Partner/in ertragen?

Daniela: Kaum jemand erlebt so viel Alltag mit uns oder kennt uns so gut wie unser Partner oder unsere Partnerin. Hier ergibt sich jede Menge Jammerpotenzial. Das vertreibt uns jedoch sehr schnell von der Wolke sieben. Laut dem Beziehungsexperten John Gottman braucht es fünfmal so viel Wertschätzung wie Kritik, um eine glückliche Beziehung zu führen. In manchen Beziehungen nützt weder eine rosarote Brille noch schönreden etwas, aber wenn die Basis stimmt, wird es mit achtsamer Kommunikation noch besser. Wir selbst sind meist genauso unperfekt wie unser Partner oder unsere Partnerin, also konzentrieren wir uns lieber auf die guten Seiten. Und da wir uns für die, die wir lieben, immer das Beste wünschen, freuen wir uns auch, öfter zu hören, was alles gut läuft im Leben unseres Herzensmenschen.

Es geht hier nicht um das Ausblenden von Problemen, sondern darum, den Fokus auf das Gute zu richten, etwas, was wir in der ersten Verliebtheit meist automatisch machen.

Nicht jeder jammert gleich. Welche unterschiedlichen Jammertypen gibt es?

Daniela: Oh, da gibt es ganz verschiedene Typen, und je nach Gegenüber oder Lebensphase rutschen wir schnell mal in eine andere Rolle. Da gibt es den Opfertyp, bei dem immer alle anderen schuld sind. Oder die Märtyrerin, die vor allem Anerkennung für ihren Einsatz wünscht. Ein anderer möchte vielleicht keinen Neid wecken und redet vor Freunden sein Leben schlecht. Die Übergänge sind fließend, und wenn wir einen ehrlichen Blick auf uns haben, merken wir oft selbst, dass das Jammern ganz bestimmte Bedürfnisse erfüllen soll. Gleichzeitig hilft das Verständnis der Motivation anderer Jammerlappen uns auch, angemessen auf kräftezehrende Monologe oder Vorwürfe zu reagieren. Egal ob bei uns oder anderen, ein wohlwollender Blick und eine Prise Humor können hier Wunder wirken.

P.S. Du würdest gerne mit uns gemeinsam weniger jammern und falls nötig mehr Grenzen setzen? Dann haben wir was für dich: Unser Online-Jammerfasten. Die EIntrittskarte ist ein Nachweis über die Vorbestellung des Buches bis zum 17. Februar 26. Schicke mir gerne einen Screenshot oder deine Fragen an autorin@danielanagel-marieadams.de. Wir freuen uns auf dich!

 

 

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