Von Macht und Ohnmacht unserer Gedanken für unsere mentale Gesundheit, unsere Pläne und Ziele und die Entdeckung des Beneficial Thinking nach Dr. Karella Easwaran.


Als ich als Teenagerin das Buch Auch du kannst glücklich sein von Marcelle Auclair auf dem Dachboden meines Elternhauses gefunden habe, war ich fasziniert von ihrer Theorie des Manifestierens. In dem abgegriffenen Büchlein mit Leineneinband aus den Fünfziger Jahren ging es um die Macht unserer Gedanken (Und dieses Buch hat mich auch ermutigt, Autorin werden zu wollen und mich zu dem Roman Das Café der guten Wünsche inspiriert.). Weder Auclair noch sonst irgendjemand, den ich kannte, benutzte damals das Wort Manifestieren – aber genau darum ging es. Ihre Theorie bezog sich auf philosophischen Gedanken, etwa von Marc Aurel, und Weisheiten aus dem christlichen Glauben. Auch hier war der Zugang für mich ein neuer, wirklich bereichernder und – was ich erst viel später verstanden habe, auch ein gutes Korrektiv gegen manche Strömungen der „Manifestationslehre“.
Alles beginnt mit einem (guten) Gedanken
So viel wunderbare Dinge in meinem Leben waren zuerst ein Gedanke. Ein Gedanke, der gleichzeitig Motor war. Ohne die Vorstellung davon, wo wir hinwollen und die Zuversicht, auch dort landen zu können, gehen wir meist gar nicht erst los. Und ja, manchmal passieren unglaubliche Zufälle, um diesem Ziel nahezukommen. Ob diese durch unsere gesteigerte Aufmerksamkeit auf das Thema, eine überirdische Macht oder wirklich nur zufällig in unser Leben kommen, ist vielleicht gar nicht immer so wichtig.
Wenn wir grundsätzlich optimistisch sind, werden wir uns nicht mal von Umwegen oder auch Scheitern aus der Bahn werfen lassen. Wir gehen davon aus, dass sich Umwege am Ende sogar als die besseren Wege herausstellen können.
Die Gefahr toxischer Positivität ist kein Grund, negativ zu denken.
Was jedoch absolut gefährlich ist, ist der Glaube daran, dass wir nur stark genug manifestieren, vorstellen oder uns in die passende Energie versetzen müssen, um all unsere Träume wahr werden zu lassen. Oder selbst schuld sind, wenn wir durch unsere Ängste, Mangeldenken und Befürchtungen das Unglück anziehen. Natürlich macht unser Denken was mit uns, aber die Sätze in unserem Kopf sind keine Zauberformeln, die mal eben den neuen Job, den Traummann oder auch mal eine schlimme Krankheit oder die Kündigung heraufbeschwören. Zum Glück ist das alles nicht so einfach!
Hilfreiches Denken ist so viel mehr als eine Bestellung ans Universum.
Viel realistischer und hilfreicher ist da das Konzept des Beneficial Thinkings, von dem ich zum ersten Mal in dem Buch Das Geheimnis ausgeglichener Mütter von Dr. Karella Easwaran gehört habe. Ich hätte am liebsten das halbe Buch mit Textmarker markiert und dauernd „Genau so ist es!“ gerufen.
Die Grundfrage der Beneficial Thinking-Methode von Dr. Karella Easwaran ist die Frage, welches Denken uns in der Situation, in der wir gerade stecken, wirklich hilft.
In ihrem aktuellen Buch Glück entsteht im Kopf (Darüber unterhalten wir uns auch in der gleichnamigen Podcastfolge in Bring dein Herzensthema in die Welt.), spricht die Kinder- und Jugendärztin alle an und erklärt, wie wir die Funktionsweise unseres Gehirns nutzen können.
Die Funktionsweise unseres Denkens einfach erklärt: Das Beneficial Thinking-Haus
Dazu benutzt Dr. Easwaran das Bild eines Hauses, in dem jedes Stockwerk oder besser gesagt dessen Bewohner und Bewohnerinnen eine eigene Funktion haben. Den Keller teilen sich das Krokodil und die Taube, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Das Reptil wittert überall Stress und springt viel schneller als die Taube an, die unser Nervensystem beruhigen möchte. Ihre Informationen bekommen beide aus dem Erdgeschoß, in dem Amy, die Angst, und das Seepferdchen, unser Gedächtnis wohnen. Die Glücksfee wohnt dort ebenfalls, aber schlechte Erfahrungen und Ängste sind lauter und so traurig es klingt, erst einmal für das Überleben relevanter als schöne Erlebnisse.
Was nützt es, wenn die Glücksfee mit uns den Sonnenuntergang genießt, wenn sie dabei den Tiger übersieht, der schon zum Angriff ansetzt? Heute sind wir seltener existentiellen Gefahren ausgesetzt wie unsere Vorfahren und dennoch sind wir oft „auf der Hut“. Im Stressmodus spüren wir jedoch nicht nur weniger Glück und Zufriedenheit, sondern können noch nicht einmal klar denken. Unser Roboter im Dachgeschoss braucht neben Anregung vor allem Ruhe und Sicherheit, um uns mit klugen Strategien und Erkenntnissen zu versorgen.
Ich kenne das jedenfalls nur zu gut. In beängstigenden Stresssituationen springt bei mir oft erst der Panikmodus im Kopf an und die Horrorfantasien überlagern den rationalen Teil, der nach Lösungen sucht. Egal ob ein Unfall passiert ist oder ein Kind schwere Krankheitssymptome hatte, in solchen Moment hilft weder der Gedanke, dass auf jeden Fall alles gut wird, noch Schwarzmalerei. Was es braucht, ist wirklich hilfreiches Denken, Durchatmen und Handeln. Das trifft natürlich nicht nur auf Extremsituationen, sondern auch auf die ganz normalen Herausforderungen des Lebens zu.
Statistisch gesehen passiert viel weniger als wir uns ausmalen. Und selbst unsere schlimmsten Fantasien schützen uns nicht und noch weniger hilft es, wenn wir mit unseren Befürchtungen alle um uns herum verrückt machen. Vor allem nicht die, um die wir uns gerade Sorgen machen. Hilfreiche Gedanken sind in solchen Momenten eher „Zum Glück bin ich da und kann reagieren.“, „Ich werde in diesem Moment alles tun, was in meiner Macht steht.“, „Ich gehe Schritt für Schritt vor, statt mir das Schlimmste auszumalen.“
Der Stresslevel steht oft nicht in einem vernünftigen Verhältnis zum Anlass.
Karella Easwaran erzählt in unserem Interview passend dazu, dass der Stresslevel insbesondere bei Müttern auf der Intensivstation oft genau derselbe wäre wie bei denen, die wegen einer ungefährlichen Erkrankung in die Praxis kämen. Das wäre einer der Gründe gewesen, die Methode des Beneficial Thinkings zu entwickeln, um einen Weg zu finden, den Leidensdruck zu mindern.
Die Gedanken sind nur ein Teil unserer mentalen Gesundheit.
Unsere Gedanken bewusst zu steuern, verbessert unsere mentale Gesundheit und tatsächlich auch unsere „Ergebnisse“, egal ob wir gesündere Beziehungen dadurch gestalten oder Erfolg im Beruf haben. Gedanken und Worte sollten am Ende in unserem Handeln und unserer Haltung sichtbar werden. Karella Easwaran spricht in diesem Zusammenhang von den Grundpfeilern eines gesunden positiven Denkens, den Tugenden wie Zuverlässigkeit, Fleiß, Großzügigkeit, Aufmerksamkeit, Dankbarkeit, Mut und Achtsamkeit:
„Sie sind die Grundpfeiler für stabiles Denken und inneres Gleichgewicht. Gerät eine dieser Säulen ins Wanken, wirkt sich das sofort auf unser Wohlbefinden aus – deshalb gilt es, sie bewusst zu stärken“, sagt Easwaran im Interview mit Julia Meyn.
Ein ungesundes positives Denken zeichnet sich oft dadurch aus, dass keine Verantwortung übernommen wird und Schwierigkeiten ignoriert werden. Manchmal kommt auch eine unrealistische Erwartung dazu, gerne gepaart mit Denkverboten. Auch wenn ich eine Freundin des Optimismus bin, halte ich es sogar für sinnvoll, das Scheitern mitzudenken. Als ich vor einiger Zeit jemandem von meinen Bedenken wegen eines Projekts erzählte und ich mir trotz der guten Idee nicht sicher war, ob das was wird, meinte mein Gegenüber „Du darfst sowas nicht denken! Natürlich klappt das!“ Das war für mich kein hilfreiches Denken, sondern einfach ein Negieren möglicher Einwände. Toxisch wird diese Art der Positivität vor allem dadurch, dass jeder kritische Gedanke, der helfen könnte, Dinge zu verbessern, als schädlich angesehen wird.
Nur weil wir es auch im „positiven Denken“ in die falsche Richtung übertreiben können, bedeutet das nicht, dass eine optimistische, zuversichtliche Denkweise naiv wäre. Selbst wenn die gewünschten Ergebnisse nicht (sofort) eintreten sollten, sinken damit unsere Stresshormone, steigt die Laune und wahrscheinlich auch unsere Selbstwirksamkeit und Lösungskompetenz. Positives und hilfreiches Denken ist immer die bessere Wahl!
In diesem Sinne lege ich dir das Buch Glück entsteht im Kopf und die Beneficial Thinking-Methode noch einmal ans Herz und wünsche dir von Herzen ganz viel Zuversicht und einen wohlwollenden Blick auf die Welt. Die Gefahr, Dinge schlecht zu reden und mutlos zu werden, scheint mir gerade in unserer Gesellschaft deutlich realistischer als die Sorge vor Menschen, die zu viel Hoffnung hegen. Und ohne Hoffnung kommen wir nicht ins Handeln.
Liebe Grüße und ein wundervolles, neues Jahr,
deine Daniela alias Marie Adams
P.S. Ganz stark verbunden mit dem Thema „Mentale Gesundheit“ ist auch das „Jammern“. Im März erscheint Heike Abidis und mein Buch Achtsam Jammern. Für alle, die es vorbestellen, gibt es einen kostenlosen Zugang zu unserem Online-Jammerfasten in der Fastenzeit. Einfach den Kaufbeleg (Screenshot / Foto) an: autorin@danielanagel-marieadams.de