Manchmal braucht es zu anderen auch mal (vorübergehend) Abstand – wie das für beide Seiten trotzdem sachlich und möglichst freundlich abläuft, schreibt Heike Abidi in ihrem Sachbuch „Und Tschüss!“ Wir sprechen über die Entstehung des Buches und über das Grenzen setzen.

Liebe Heike, so wie ich dich kennengelernt habe, hast du grundsätzliches ein positives Menschenbild und bist großzügig mit deiner Geduld. Wie kam es dazu, dass du ein ganzes Buch zum Thema Abgrenzung geschrieben hast? („Und Tschüss!“ ist gerade bei GU entschieden.)
Danke, liebe Daniela, für das schöne Kompliment. Du hast recht, ich gehe bei allen Menschen, die mir begegnen, grundsätzlich vom Positiven aus. Wenn jemand unsympathisch ist, muss er mir das erst mal beweisen 😊
Aber natürlich kenne ich, wie wir alle, auch anstrengende Menschen – Nervensägen, Energieräuber, Besserwisser, Ewiggestrige … Die Liste ist lang. Es gibt sie nun mal, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als eine Strategie zu entwickeln, um mit ihnen zurechtzukommen.
Dennoch war es im Grunde ein Zufall, dass ich auf die Idee gekommen bin, dieses Buch zu schreiben. Sie entstand im Gespräch mit meiner Verlagslektorin von GU, als wir auf der Suche nach einem griffigen Titel für das vorige Buch über People Pleasing waren. Ich sagte zu ihr: „Es muss doch einen witzigen Spruch geben, der perfekt passt, so wie Darf ich Ihnen das Tschüss anbieten?“
Wir waren uns dann schnell einig, dass das ein cooler Titel wäre, aber für ein anderes Buch. Nämlich für dieses. Es war das erste Mal, dass eine Titelidee vor dem Buchkonzept da war. Letztendlich wurde der Titel dann auf Und Tschüss verkürzt, was noch griffiger und in Kombination mit der typografischen Covergestaltung einfach perfekt ist.
Woran merke ich, dass an einer Beziehung nichts mehr zu retten ist und Fernhalten die beste Lösung ist? Gerade wenn uns eine Beziehung wichtig ist, möchten wir ja an dieser arbeiten und geben uns gerne auch mal eine zweite oder dritte Chance.
An Beziehungen zu arbeiten, ist total wichtig. In meinem Buch wird das „finale Tschüss“ auch immer nur als letzte Möglichkeit genannt. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Wenn uns die Kommunikation mit jemanden immer nur runterzieht oder die Begegnungen ausschließlich unangenehm sind und nur Kraft kosten, dann ist es reiner Selbstschutz, sich zurückzuziehen. Für zwischenmenschliche Beziehungen gilt dasselbe wie in der Politik: Friedensverhandlungen funktionieren nur, wenn beide kompromissbereit sind, sie dürfen niemals einseitig sein.
Manche Kontakte können wir schwer reduzieren. Nicht immer ist ein neuer Job, Schulwechsel oder Umzug möglich. Oder wir tun uns gerade mit einem Verwandten schwer, wollen aber dennoch nicht die Familienzugehörigkeit kündigen. Wie gelingt uns ein „Und tschüss“ vielleicht im übertragenen Sinne, wenn wir uns nicht komplett aus dem Weg gehen können? Kann ich vielleicht auch tschüss zu Teilen der anderen Person sagen? (So nach dem Motto, ich arbeite gerne mit dir zusammen, aber jammere mich nicht mehr voll 😉)
Da gibt es jede Menge Strategien. In dem Buch gebe ich eine Reihe von Tipps, wie man sich effektiv abgrenzen kann. Mal hilft eine klare Ansage, mal ist Humor eine gute Idee. Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, was man selbst für Erwartungen hat. Möchte man etwa bei einem Familientreffen den klimawandelleugnenden Großonkel bekehren oder will man das Treffen einfach ohne Streit überstehen? Will man der großen Schwester, die ihren eigenen Lebensentwurf für das Alleinseligmachende hält und einen ständig kritisiert, gründlich die Meinung sagen oder irgendwie mit ihr zurechtkommen? Ein Spruch wie „Wir sind nun mal verschieden, Schwesterherz“, kann da sehr entwaffnend sein und vielleicht sogar zum Nachdenken anregen.
Warum kann Abgrenzung am Ende zu einem besseren Miteinander führen? (Wenn nicht unbedingt zwischen den beiden Menschen, dann immerhin in deinem ganzen Umfeld / der Gesellschaft?)
In Zeiten, als man noch auf die Gesellschaft der anderen Dorfbewohner angewiesen war, weil die Fahrt in den Nachbarort aufwendig war und das Internet noch lange nicht erfunden, musste man zwangsläufig mit den Menschen klarkommen, die eben da waren. Heutzutage ist das anders. Wir neigen dazu, uns vor allem mit denjenigen zu umgeben, die ähnlich ticken wie wir selbst. Man bleibt in der eigenen Blase. Was verständlich ist, aber nicht ideal. Ich finde es wichtig, auch mit Menschen auszukommen, die uns total unähnlich sind. Klar, dass das oftmals zu Konflikten führt, aber wenn man die Spielregeln und die Grenzen einmal geklärt hat, kann es auch sehr bereichernd sein.
Bei aller Notwendigkeit der Abgrenzung, Ghosting oder Dramaabgang ist auch nicht die feine Art. Wann geht es nicht anders? Und wie können wir uns im Idealfall freundlich und bestimmt verabschieden?
Wenn Freundschaften auseinandergehen, geschieht das oft ohne großen Knall, sondern allmählich und somit fast unmerklich. Die Kontakte werden seltener und hören irgendwann einfach auf. Das ist in vielen Fällen auch völlig okay. In anderen wäre es besser, wenn man offen miteinander reden würde. Denn oft sind ja ungeklärte Konflikte daran schuld. Und manchmal ist es sogar wichtig, die Gründe für den eigenen Rückzug deutlich zu kommunizieren. Ich habe beispielsweise vor einer Weile den Kontakt zu einer Bekannten abgebrochen, nachdem sie auf Social Media rassistische Inhalte geteilt hatte, die eindeutig von einer Nazi-Seite stammten. Sie war allerdings nicht einsichtig, und da war es mir wichtig, ihr klarzumachen, dass das für mich gar nicht geht.
Den anderen nicht mehr zu kontaktieren, ist das eine. Aber wie lassen wir wirklich los und gelangen zu innerer Freiheit? Manchmal haben wir uns getrennt oder gekündigt und dennoch holen wir die Gefühle und den Groll noch jahrelang hervor, obwohl die betreffenden Personen lange kein Teil mehr unseres Lebens sind.
Vermutlich liegt das an dem allzu menschlichen Wunsch, von allen gemocht zu werden. Dabei ist das unmöglich, und jeder Versuch, dieses Ziel zu erreichen, ist zum Scheitern verurteilt. Schließlich mögen wir ja auch nicht alle Menschen, die wir kennen. Da ist es doch nur logisch, dass auch wir selbst nicht bei allen auf Gegenliebe stoßen oder sogar abgelehnt werden. Hat man sich das erst einmal bewusst gemacht und es akzeptiert, fällt es auch leichter, innerlich loszulassen. Was unglaublich wichtig für den eigenen Seelenfrieden ist, denn alter Groll belastet uns ja nur selbst – und nicht diejenigen, denen er gilt.
Und zum Abschluss: Hast du einen guten Tipp, wie wir dafür sorgen können, möglichst oft im Leben „Herzlich willkommen, ich freue mich auf das nächste Mal“ statt „Und tschüss … auf Nimmerwiedersehen“ sagen zu können?
Ganz einfach, indem wir uns mit Menschen umgeben, die uns guttun. Und die gibt es zum Glück ja auch sehr häufig – ich würde sagen, sogar noch häufiger als die anstrengenden Typen, die uns auf die Nerven gehen. Was auf jeden Fall hilft, ist, aufmerksam durchs Leben zu gehen und sich bewusst zu machen, in wessen Gegenwart man sich unwohl fühlt und warum – und wer unser Leben bereichert. Und natürlich kann es auch nicht schaden, den ersten Schritt zu machen und zu versuchen, das Leben anderer zu bereichern. Dazu muss man nämlich kein People Pleaser sein, sondern am besten ein gelassener, humorvoller und authentischer Mensch.
Herzlichen Dank, liebe Heike! (Und hier gibt es mehr Infos zu Heike Abidi)
Sehr gerne – und danke für deine spannenden Fragen!