


Das Geburtshausmodell
Das Thema Geburt und wie es am besten für alle Beteiligten gestaltet werden kann, fasziniert mich schon lange. Zuerst ganz persönlich, dann auch als Thema für meine Trilogie Das Haus der Hebammen. Im Monat Mai passt es daher besonders gut, das Thema noch einmal aufzugreifen.
Der Umgang mit dem Thema Geburt ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und ihrer Wertschätzung von Familien. Während die klinische Geburtshilfe durch Sparzwänge, Gewinnoptimierung und Hebammenmangel in Schieflage gerät, gibt es immer mehr Geburtshäuser, die werdenden Eltern einen sicheren und schönen Start in das Familienleben ermöglichen.
Seit Jahren stehen beim Start ins Familienleben Kosten und Effizienz immer mehr im Vordergrund. Individuelle Bedürfnisse von Familien spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Und selbst die eigentlich selbstverständliche 1-zu-1-Betreuung der Gebärenden kann trotz anderer Versprechungen in den Flyern der Geburtskliniken auf Grund fehlender Kapazitäten viel zu oft nicht gewährleistet werden. Dabei ist es längst erwiesen, dass der Start ins Leben große Auswirkungen auf die weitere Biografie von Eltern und Kindern hat: Durch das Erlebnis einer selbstbestimmten, guten Geburt werden Eltern gestärkt und ihnen wird Selbstbewusstsein und Zuversicht für den weiteren Weg als Familie mitgegeben. Das Gegenteil – traumatische Geburtserfahrungen – können für Jahre Ressourcen binden und psychische Beeinträchtigungen nach sich ziehen – mit Kosten für die ganze Gesellschaft. Der Roses-Revolution-Day, an dem Frauen aus aller Welt am vierten November eine Rose vor die Geburtsstätte legen, in der sie Gewalt oder Demütigung erfahren haben, macht deutlich, dass nicht jede schlechte Geburtserfahrung normal oder Schicksal ist, sondern oft das Ergebnis ungünstiger Strukturen und überforderten, überarbeiteten Geburtshelfer*innen, die ebenso wenig Wertschätzung erfahren wie die werdenden Mütter.
Die neuen Leitlinien zur vaginalen Geburt sind ein großer Meilenstein und beenden hoffentlich langfristig den desolaten Zustand in der Geburtsbetreuung: Immer wieder finden Schwangere erst gar keine eigene Hebamme oder müssen sich im Kreißsaal mit drei weiteren Frauen eine überlastete Hebamme teilen. Und immer mehr freiberufliche Hebammen geben ihren Beruf auf, weil sie sich die immer teurer werdende Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten können.
Glücklicher Zufall
Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, drückte mir meine Frauenärztin einen Flyer des Kölner Hebammennetzwerks in die Hand. Die Hebamme, die zufälligerweise Telefondienst hatte, meinte, ich solle doch einfach mal im Kölner Geburtshaus vorbeikommen. Dort arbeite sie. Das machte ich und hatte nach meinem ersten Anruf eine Hebamme. Aufwand bei der Hebammensuche? Keine zehn Minuten. Ergebnis? Drei wunderbare, unkomplizierte Geburtshausgeburten und ein Zwillingskaiserschnitt, bei dem mich meine Geburtshaushebammen ebenfalls begleitet haben.
Klingt utopisch? Kam mir damals völlig normal vor. Das war 1999 und ich gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt, was den Vorteil hatte, dass ich mit großer Unvoreingenommenheit an das Thema heranging und offen für das Modell Geburtshaus war − das bei manchen auch Entsetzen auslöste. Dazu gehörte beispielsweise die Reaktion unseres durchaus geschätzten Kinderarztes: „Sind sie wahnsinnig?! Da haben Sie Glück gehabt, dass das Kind überlebt hat!“
Der Meinung, dass Geburten in ein Krankenhaus gehören und potentiell gefährlich sind, stehen immer mehr begeisterte Familien entgegen, die sich in einem Geburtshaus sicher, geborgen und in ihrer Elternkompetenz gestärkt gefühlt haben. In Holland ist es übrigens schon lange völlig normal, die Kinder zu Hause oder im Geburtshaus zu bekommen.
Alternative Geburtshaus
Wie arbeiten Geburtshäuser? Jede Schwangere bekommt eine feste Hebamme an die Seite, die ihr für die Vorsorge, die gesamte Geburt und für die Nachsorge im Wochenbett zur Seite steht. Und auch wenn das Geburtshaus in Schichten arbeitet, sind es in der Regel nur zwei Hebammen, die sich abwechseln. So kann Vertrauen aufgebaut werden, was eine sichere Geburt nachweislich fördert. Vorsorgen und Geburten finden in einem geschützten, gut ausgestatteten Rahmen statt. Die Geburtszimmer sind einerseits gemütlich eingerichtet, verfügen aber selbstverständlich über eine ähnliche Ausstattung wie ein Kreißsaal mit Gebärwannen, Gebärhockern und CTG, im Notfall ist auch die Sauerstoffversorgung des Säuglings gesichert. Durch die Rufbereitschaft und die 1:1-Betreuung haben die Familien durchgängig eine vertraute Begleitung, egal, wie lange es dauert. Mir tut es heute noch leid für die Hebamme unseres Jüngsten, die den 70. Geburtstag ihres Vaters verpasste, weil sich die Geburt von der Nacht bis zum Abend des nächsten Tages hinzog. Und gleichzeitig waren wir ihr einfach nur dankbar für die durchgängige Betreuung. (Durch die Einführung der Fallpauschalen 2003 bekommt die Hebamme übrigens denselben Betrag, egal ob die Geburt zwei oder zwanzig Stunden dauert. Auf den ersten Blick rechnet sich eine geduldige 1:1-Betreuung für die Krankenhäuser also nicht).
Rein statistisch sind die Geburtshausgeburten mindestens genauso sicher wie Krankenhausgeburten. Was zwar auch daran liegt, dass es strenge Ausschlusskriterien gibt, etwa bei Mehrlingsschwangerschaften oder Beckenendlage, aber auch daran, dass die Hebammen im Notfall eng mit den umliegenden Krankenhäusern zusammenarbeiten und im Zweifelsfall eine Geburt auch mal verlegen.
Selbstbestimmte Geburt
Die Geburtshausphilosophie ist es, den Familien einen geschützten, intimen und sicheren Rahmen zu bieten, in denen die Schwangere selbstbestimmt ihr Kind auf die Welt bringt. Ich habe mich bei allen Geburten, auch bei dem Kaiserschnitt, in keiner Sekunde fremdbestimmt gefühlt und habe gerade die Geburtshausgeburten als so kraftvoll und schön erlebt, dass ich mich jedes Mal schon fast auf die nächste Geburt freute. Und bei allen Risiken und auch Schmerzen sollte die Geburt für jede Frau, für jede Familie ein erfüllendes und bestärkendes Ereignis sein und keine Angelegenheit, die möglichst günstig und kontrolliert hinter sich gebracht werden sollte.
Während die klinische Geburtshilfe immer mehr durch Sparzwänge, Gewinnoptimierung und Hebammenmangel in Schieflage gerät, bieten die Geburtshäuser genau die Rahmenbedingungen, die sich die meisten Familien wünschen. Immer mehr Geburtshäuser werden gegründet, gleichzeitig ist der Bedarf noch lange nicht gedeckt, das Kölner Geburtshaus etwa lost mittlerweile aus rund sechzig monatlichen Anmeldungen ein paar glückliche Gewinnerinnen aus.
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Zum Thema selbstbestimmte Geburt ist übrigens gerade ein Trend zu beobachten, dass Frauen sich durch einen veränderten Blickwinkel auf das Geburtsgeschehen weg vom Erleiden zum bewussten Erleben, durch Aneignen von Wissen und Techniken, selbst das Rüstzeug für gute Geburten zulegen. So wichtig bei der Geburt Fachfrauen wie Hebammen sind, so besitzen Schwangere oft mehr Kraft, die Geburt positiv zu beeinflussen, als sie vorher geahnt hätten. Die Autorin Kristin Graf (Die friedliche Geburt) hat mit ihrem Podcast und ihren Online-Kursen für Hypno-Birthing einen Nerv getroffen. Ihr Angebot macht Hebammen nicht überflüssig, Frauen aber unabhängiger von den Umständen und Möglichkeiten der Geburtshilfe in ihrer Nähe. Der Tipp, sich einfach eine Hebamme oder einen Platz im Geburtshaus zu suchen, klingt zynisch, wenn es gar nicht für jede Frau die Möglichkeit gibt. Umso entlastender ist die Erkenntnis, das Schwangere sich Sicherheit und Wissen eben (zusätzlich) auch eigenständig aneignen können.
Erfolgsmodell für die Zukunft
Dass in Köln gerade ein zweites Geburtshaus eröffnet hat und das erste sich wieder vergrößert, macht mir Hoffnung, dass das, was ich 1999 als selbstverständlich erlebt habe, tatsächlich selbstverständlich wird. Und zwar nicht wie damals nur in wenigen Großstädten, sondern flächendeckend. Als 1989 in Köln einige freiberufliche Hebammen das Kölner Geburtshaus gründeten, hielten das viele noch für eine verrückte Idee. Mittlerweile sind dort fast 6000 Kinder geboren worden. Arbeiten wir daran, dass alle Familien, die sich das wünschen, diese optimale Form der Geburtsbetreuung wählen können und dass die Geburtshausphilosophie eben auch zur Blaupause für die Arbeit im Krankenhaus wird, etwa durch einen hebammengeführten Kreißsaal in jeder Geburtsklinik. Es geht nicht um einen Wettbewerb zwischen den Modellen, sondern darum, dass jede Frau wirklich mit guter Hoffnung in die Schwangerschaft und Geburt gehen kann. Als ich mitten in der Nacht durch einen Blasensprung aufgeweckt, unsere Hebamme anrufen konnte, die ich seit Monaten gut kannte, war mein vorherrschendes Gefühl Vorfreude und nicht Angst. Das wünsche ich allen werdenden Müttern und Familien. Und auch wenn sich die strukturellen Probleme nicht schlagartig lösen lassen, lohnt es sich allein für die kommenden Generationen, wenn wir als Gesellschaft für die bestmögliche Geburtshilfe eintreten.
Fakten zum Thema Geburtshaus
- Das erste Geburtshaus in Deutschland: 1985 gegründet in Gießen
- Anzahl der Geburtshäuser: ca. 130
- Außerklinische Geburten (inkl. Hausgeburten): ca. 11.000 im Jahr, entspricht ca. 1,5 % aller Geburten
Dieser Artikel ist ursprünglich in dem wunderbaren Magazin Starke Eltern / Starke Kinder vom Deutschen Kinderschutzbund erschienen.