Von Hygge und dem Wir-Gefühl zuhause und in der Gesellschaft

Autorin und Diplomheilpädagogin Anja Küpper

Verbundenheit und Sicherheit innerhalb einer Gruppe, egal ob in der Beziehung, Familie, der Schule, Arbeit oder ganzen Gesellschaft, ist kein „Nice to have“ sondern Voraussetzung für unsere mentale und psysische Gesundheit. Wie wir Verbundenheit auf allen Ebenen stärken können, erzählt die Heilpädagogin und Autorin Anja Küpper im Interview.

Liebe Anja (im Bild über dem Interview zu sehen, (c)privat), du beschäftigst dich als Autorin und Pädagogin intensiv damit, was wir für den Zusammenhalt der Gesellschaft und ein gutes Miteinander schon im Kindesalter tun können. Du bist eine Expertin für Hygge, die skandinavische Lebensart, die wir mit dem kuscheligen Rückzug in die eigenen vier Wände assoziieren.

Warum ist das private Glück zu Hause so stark mit dem Glück in der Gesellschaft verbunden?

Zum Einen: Die Kindheit ist das Fundament unserer Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung. In den ersten Lebensjahren entscheidet sich, ob wir grundsätzlich Vertrauen in uns selbst und andere Menschen aufbauen können, wie wir mit Stress umgehen und welche Werte für uns zentral sind. Natürlich bleibt Gehirnentwicklung ein lebenslanger Prozess, aber Prägung und Sozialisation haben einen enormen Einfluss auf das gesamte Leben und vor allem die Denk- und Verhaltensmuster eines Menschen. Feinfühlige, stabile Beziehungen sind von zentraler Bedeutung, wenn es um den Erwerb sogenannter Lebenskompetenzen geht, wie beispielsweise Selbstregulation, Empathie, Problem- und Konfliktlösefähigkeit oder auch kreatives und kritisches Denken. Es sind genau diese Lebenskompetenzen, die wir in einem demokratischen, unterstützenden Miteinander brauchen. Lernen Kinder schon im Elternhaus, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen, ihre Grenzen geachtet und ihre Meinungen und Ideen geschätzt werden, so entwickeln sie sich zu Erwachsenen, die Demokratie aktiv mitgestalten wollen.

Zum Anderen: Ein hyggeliges Zuhause, in dem die Atmosphäre entspannt, gemütlich und wertschätzend ist und in dem es Raum für Ruhe und innere Sammlung gibt, kann uns als Rückzugsort wertvolle Energie zurückgeben. In unserer immer komplexer werdenden Welt mit der überwältigenden Informationsflut, der ständigen Reizaufnahme und den übervollen Terminkalendern geraten unsere Nervensysteme immer wieder an ihre Grenzen. Wird der sogenannte Funktionsmodus zur Normalität, so fällt der differenzierte Blick auf komplizierte Sachverhalte schwer, Geduld, Nachsicht und Innovationskraft erscheinen unerreichbar und auf eine diskriminierungssensible Sprache zu achten wird zum Kraftakt. Unbewusste, nicht immer sinnvolle Verhaltens- und Kommunikationsmuster übernehmen das Steuer. Und niemand, der sich dauerhaft an seiner Belastungsgrenze entlang hangelt, möchte zusätzlich auch noch ein Ehrenamt übernehmen oder kann konstruktiv am gesellschaftlichen Wir arbeiten.

Sich in den eigenen vier Wänden ganz bewusst einen Gegenpol zu schaffen, kann daher ein wertvoller Baustein sein – persönlich wie gesellschaftlich.

Könntest du erklären, was du unter dem Wir-Gefühl verstehst und wie es jede Gruppe zusammenhält? Und was passiert, wenn dieses Wir-Gefühl gestört ist?

Wir Menschen sind soziale Wesen. Verbundenheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung durch andere Menschen, Sicherheit und Schutz sind für uns kein „nice to have“, sondern existenziell. In der Steinzeit glich es einem Todesurteil, von der Gruppe ausgeschlossen zu werden – und auch wenn wir heute nicht mehr vom Säbelzahntiger gejagt würden: genetisch gesehen sind wir noch immer dieselben – und somit auch unsere Bedürfnisse.
Fehlt das „Wir“ in einer Gruppe, gibt es also keine Vertrauensbasis, keine Kultur der gegenseitigen Unterstützung, kein Zugehörigkeitsgefühl und keine Wertschätzung, so bleiben zentrale, menschliche Bedürfnisse unerfüllt. Und genau hier liegt das Problem. Vereinfacht kann man sagen: Die Erfüllung von Bedürfnissen ist so etwas wie der innere Antrieb von uns Menschen. Fortlaufend suchen wir nach Erfüllung unserer Bedürfnisse und sind dabei auf die Resonanz der Umwelt angewiesen. Läuft diese Suche nach Resonanz ins Leere oder schlägt uns gar Ablehnung entgegen, so entstehen Gefühle bzw. Zustände von Frust, Wut, Trauer, Resignation und Isolation. Auf Dauer wird ein fehlendes Wir deshalb als große Belastung empfunden und hat Einfluss auf unsere mentale Gesundheit. Wird ein bestehendes Wir-Gefühl plötzlich gestört, beispielsweise durch Mobbing innerhalb der Gruppe, so verunsichert dies massiv und wird daher als bedrohlich empfunden. Ein starkes Wir in Schulklassen ist deshalb – neben Lehrkräften, die konsequent Verantwortung übernehmen – einer der wichtigsten Bausteine, wenn es um das Verhindern von Mobbing geht. Der Angriff auf ein Mitglied der Gruppe wird gleichzeitig als Angriff auf das Wir der Gruppe bewertet und nicht geduldet – oder anders gesagt: ein starkes Wir entzieht Mobbing den Nährboden.

Was kann ich, unabhängig ob ich jetzt als Single, Paar, mit Freunden oder Familie in einem Haushalt lebe, dafür tun, dass bei mir / uns eine Atmosphäre herrscht, in der wir uns wohl und frei fühlen? Auch, wenn wir nicht immer einer Meinung sind oder unliebsame Aufgaben verteilen müssen?

Zuallererst ist eine wertschätzende, von Gleichwürdigkeit, Vertrauen und Offenheit geprägte Grundhaltung wichtig. Laut Meik Wiking, CEO des dänischen Glücksforschungsinstituts in Kopenhagen, beschreiben sich diejenigen Menschen als zufrieden, die von Menschen umgeben sind, denen sie vertrauen und auf die sie sich verlassen können. Man sollte sich also ehrlich fragen: Gibt es gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Unterstützung in meinen Beziehungen? Hören wir einander wirklich zu, versuchen wir einander zu verstehen, wollen wir voneinander lernen? Sind wir authentisch und gleichzeitig bereit, immer wieder empathisch die Perspektive zu wechseln? Nehmen wir aufeinander Rücksicht und akzeptieren die Verschiedenheit von Bedürfnissen und Grenzen? Klären wir Konflikte lösungsorientiert, lassen wir dem Gegenüber eine andere Meinung oder Wahrnehmung, machen wir Kompromisse? Übernehmen wir Verantwortung, wenn wir mal unfair waren, uns im Ton vergriffen oder ein unangemessenes Verhalten gezeigt haben?

Zusätzlich ist es hilfreich, liebgewonnene Rituale zu pflegen und zusammen immer mal wieder etwas Neues auszuprobieren, um so gemeinsame Erinnerungen zu schaffen. Denn all das verbindet.

Rückzug ins Private wird ja vor allem dann beliebt, wenn es draußen ungemütlich wird. Leider beobachten viele, dass sie die schlechte Stimmung von draußen mit nach Hause nehmen und die Diskussionen über Politik, manchmal sogar Hetze oder ein allgemeiner Pessimismus nicht nur die Laune trüben, sondern auch Beziehungen spalten. Wie können wir das vermeiden?

Weltschmerz ist dieser Tage verständlicherweise ein weit verbreitetes und belastendes Phänomen. Doch gerade, weil die weltpolitische Lage viele Menschen verunsichert und unser Alltag immer komplexer wird, ist der achtsame „safe space“ im eigenen Mikrokosmos so enorm wichtig. Sich in solchen Zeiten auf die gemeinsamen Werte zu besinnen, verbindende Erinnerungen zu feiern und neue, verbindende Erlebnisse zu initiieren, wirkt der allgemeinen Belastung und dem Pessimismus entgegen. Eine Vereinbarung zu treffen, in gewissen Phasen keine Nachrichten zu konsumieren, das Dauerscrollen auf dem Smartphone zu pausieren und bewusst Zeit miteinander zu verbringen, kann zu einem stärkenden Beziehungs-Ritual werden. Hygge bedeutet eben auch die bewusste Entscheidung, das Drama für eine Weile draußen vor der Tür zu lassen, um im Sinne von Selbstschutz und Selbstfürsorge die eigenen Energiespeicher und die soziale Batterie wieder aufzuladen. Und: wenn wir über die aktuelle Weltlage sprechen wollen, so kann es helfen sich bewusst zu machen, dass es oft nur ums Sortieren von Gedanken geht, ums Gehört werden mit unserem berechtigten Kummer. Gelingt es uns, diese Gefühle gemeinsam auszuhalten, so kann das Verbindung stärken – auch wenn es keine schnelle und einfache Lösung gibt.

Wie können wir umgekehrt, das, was uns zuhause stärkt, mit nach draußen in die Gesellschaft bringen? Wie können wir bewusst ein Gegenpol gegen Spaltung, Hetze und Missgunst bilden?

Wir können uns zuallererst ehrlich fragen: Welche Prägungen, welche Vorurteile, welche ungesunden Glaubenssätze trage ich unbewusst in mir und wie wirkt sich das auf mein Verhalten aus? Hinterfrage ich Narrative, unterscheide ich gewissenhaft zwischen Fakten und Meinungen, entlarve ich Fake News und Populismus? Oder bin ich schnell dabei zu vereinfachen, zu bewerten und zu verurteilen? Begegne ich meinem Gegenüber grundsätzlich wertschätzend und auf Augenhöhe, bleibe ich bei Konflikten konstruktiv und lösungsorientiert? Achte ich auf eine diskriminierungssensible Sprache, lebe ich Vielfalt als Norm vor und wie ist es eigentlich um meine Zivilcourage bestellt? Positioniere ich mich klar, wenn mir im Alltag Rassismus, Ableismus oder Mobbing begegnen? Achte und schütze ich aktiv die Rechte von Kindern und bin ich ein verlässlicher Ally für Minderheiten wie beispielsweise die LGBTQ-Community? Und wann habe ich mich eigentlich das letzte Mal ehrenamtlich engagiert oder zumindest diejenigen wertgeschätzt, die es tun? Unterstütze ich auf Instagram oder anderen Plattformen vor allem (oder wenigstens auch) diejenigen, die Zuversicht verbreiten, über Fake News aufklären und Narrative entlarven? Die von Verbindendem, Positivem, Ermutigendem berichten?

All diese Fragen dienen der Bewusstseinsarbeit, wirken Spaltung entgegen und zeigen uns auf, wo wir noch Spielraum haben, wenn es um die Unterstützung des großen Wir geht.

Hast du ein schönes Beispiel, in der eine Gruppe (wieder) zusammengewachsen ist?

Ich erlebe das tagtäglich in den Familien oder den Kitas, die ich berate. Ein Kind zeigt ein als herausfordernd erlebtes Verhalten und die Eltern oder die pädagogischen Fachkräfte werten dieses Verhalten als Angriff auf die eigene Person oder das „Wir“ der Familie bzw. Gruppe. Zu verstehen, dass das Kind bloß ein unerfülltes Bedürfnis zu befriedigen versucht und noch keinen anderen Weg des Ausdrucks gefunden hat, ist dann oft der Gamechanger. Kinder agieren niemals gegen das Wir, sondern immer nur für sich selbst.  Hier geht es also um evidenzbasiertes Fachwissen (statt Halbwahrheiten und pädagogischen Populismus), um Empathie und einen notwendigen Perspektivwechsel, um Verständnis und Nachsicht. Oft brauchen wir gar keinen endlos langen Beratungsprozess, sondern ein paar gezielte, individuell abgestimmte Impulse und es entsteht plötzlich wieder Verbindung. Das Kind fühlt sich gesehen und bekommt die Unterstützung oder Veränderung, die es braucht und die verantwortlichen Erwachsenen fühlen sich wieder handlungsfähig und zuversichtlich. Die Erleichterung bei den Fachkräften und der neu gewonnene, liebevollere Blick von Eltern auf ihre Kinder, gehört definitiv zu den schönsten Momenten in meinem Beruf.

Vielen Dank liebe Anja, für deinen wertvollen Beitrag!

Anja Küpper (Diplom-Heilpädagogin und Mutter von zwei Kindern), ist Autorin von Ratgebern und arbeitet als selbstständige Beraterin, Referentin und Fortbildnerin mit pädagogischen Fachkräften und Eltern zusammen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Bedürfnisorientierung und Entwicklung von Lebenskompetenzen, Adultismus sowie Demokratiebildung und Prävention von Mobbing.

Wer mehr über Anja Küpper und ihre Arbeit erfahren möchte, kann gerne hier weiterlesen. Auch auf Instagram gibt es jede Menge Inspiration rund um Pädagogik und Politik.

Anja Küppers Veröffentlichungen: Ganz besonders empfehle ich auch die Artikel in dem Magazin des Deutschen Kinderschutzbundes Starke Eltern / starke Kinder.

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