Darf ich über Menschen mit Behinderung schreiben, ohne selbst betroffen zu sein?
Ich spreche mit Vera Pandolfi und Tina Sander, warum Vielfalt in der Literatur(szene) bedeutet, Menschen mit Behinderung aufmerksam zuhören und selbst zu Wort kommen zu lassen, statt Behinderungen zum Plottreiber zu machen oder sie auszuklammern.


Vera Pandolfi ist 45 Jahre alt, Autorin und Künstlerin und hat eine spinale Muskelerkrankung. Ihren Alltag gestaltet sie selbstständig in einer von ihr angemieteten Wohnung mit kleinem Garten, mithilfe von persönlichen Assistenzen. Manchmal träumt sie davon, eines Tages ihren Lieblingsteeladen am Chlodwigplatz zu übernehmen und dort eine ähnliche Welt zu erschaffen wie Juliette Binoche in dem Film Chocolat. Sie sagt: „Die persönliche Assistenz ist das Lebensmodell, wenn es darum geht, Menschen mit Behinderung ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu verwirklichen.“ Doch sehr viele Menschen wüssten gar nichts von diesem Lebensmodell. Deshalb lautet ihr Wunsch: „Gerade, wenn es um das Thema Inklusion geht, in welchem Zusammenhang auch immer, sollte insbesondere hiervon die Rede sein.“

Tina Sander arbeitet als Beraterin für die freie Kulturszene in Köln, ist Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter mit Trisomie 21 und Mitbegründerin von mittendrin e.V., einem Verein für Inklusion, der 2006 von Eltern behinderter Kinder gegründet wurde. Von ihr höre ich: „Welche gesellschaftspolitischen Aufgaben rund um Teilhabe und Inklusion unerledigt sind, erleben wir und unsere Kinder ganz unmittelbar jeden Tag. Auf diesem Erfahrungsboden stehend bringen wir uns mit politischer Arbeit, Konzepten für Inklusion sowie unserer Öffentlichkeits- und Medienarbeit ein, um Leerstellen und Versäumnisse zu benennen. Wir machen konstruktive Vorschläge für die inklusive Entwicklung in unserem Land und untersuchen in Modellprojekten, wie die Umsetzung konkret gelingen kann. Unser Referenzrahmen ist dabei die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 in Deutschland rechtsgültig ist.“
(Foto: mittendrin.ev, @Anna Lingscheid)
In diesem Interview (gerade in der Federwelt erschienen) möchte ich auf die Darstellung (schwer-) behinderter Menschen in Romanen eingehen, die dort, gemessen an der Zahl der Betroffenen, viel zu selten vorkommen. Ich war selbst erstaunt: Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind schwer- bis schwerstbehindert und werden im Verhältnis dazu in der Öffentlichkeit und Literatur kaum wahrgenommen.
In den meisten Romanen sind die Hauptfiguren im großen Ganzen gesund, meistens sogar noch relativ jung und durch keine Behinderung eingeschränkt, als wäre das grundsätzlich der Normalfall. In anderen Geschichten wiederum spielt die Behinderung dagegen die Hauptrolle und gibt den Plot vor. Wie fühlt sich das für dich als Leserin an, Vera? Spielt es überhaupt eine Rolle für dich?
Um ganz ehrlich zu sein: Obwohl, oder gerade weil ich selbst betroffen bin, spielt es im eigentlichen Sinne keine große Rolle für mich, da ich die Romane, die ich lese, vorrangig nicht danach auswähle. Vielleicht oft sogar ganz bewusst. Da ich mich dann, wenn ich in andere Welten abtauche, nicht auch noch mit dieser Thematik beschäftigen will. 😉 Für mich persönlich ist vor allem die Inklusion in der realen Welt von Bedeutung. Dort nimmt das Thema dann auch bereits genügend Raum ein; in der Vergangenheit auch mehr, als mir lieb gewesen wäre.
Wenn ich aber mal einen Roman lese, in dem Betroffene vorkommen, achte ich schon sehr genau darauf, auf welche Art und Weise sie Teil der Handlung sind und dargestellt werden. Und das ist mir dann auch besonders wichtig.
Doch auch wenn die Einbindung in Romanen für Selbstbetroffene in Anbetracht der anderen, gewichtigeren Missstände, nebensächlich scheinen mag: Gerade sie könnte einen entscheidenden Teil dazu beitragen, mehr Bewusstsein und Offenheit für sie zu schaffen, und damit auch größere Kreise nach sich ziehen. Die wiederum könnten sich positiv auf andere maßgebliche „Inklusionslücken“ des alltäglichen Lebens auswirken.
Der beispielsweise spielerische, unterhaltsame, spannende oder humoristische Zugang durch die Romanwelt ist eine Form des leichteren Zugangs, den man sich in diesem Sinne hiermit auf positive Weise zunutze machen kann.
Das Menschen mit Behinderung in Romanen unterrepräsentiert sind, ist in gewisser Weise also leider auch eine Form der Exklusion.
Und sozusagen repräsentativ für den Ausschluss, den sie auch heute noch im echten, gesellschaftlichen Leben erfahren müssen; auch wenn sich bereits einiges verbessert hat.
Umso dankbarer und glücklicher bin ich nun darüber, dass diesem Thema etwa im Rahmen dieses Interviews mehr Raum geschenkt wird. Herzlichen Dank dafür; das ist ein schönes Gefühl und bewirkt sicher Positives.
Hast du den Eindruck, dass sich im Bereich „Darstellung von Menschen mit Behinderung in der Fiktion in den letzten Jahren etwas verändert hat? Falls ja, wie? Und welche Art von Darstellungen ärgern dich? Über welche freust du dich?
Es geht sehr langsam voran, aber es geht insgesamt glücklicherweise schon in die richtige Richtung. So weichen beispielsweise peu à peu die Arten der Darstellungen, die mich ärgern: Stigmatisierung, Stereotypisierung und das überwiegende In-den-Vordergrund-Stellen der Behinderung, als wäre sie die Haupteigenschaft oder das einzige Charaktermerkmal dieser Menschen.
Die Figuren werden zunehmend differenzierter und realistischer dargestellt: als komplexere, vollständigere Charaktere mit eigenen Wünschen, Ängsten, Träumen, Beziehungen. Und mit Ambitionen, Lebensziele zu verwirklichen. Man erlebt sie im alltäglichen Scheitern und Wachsen, unabhängig von der Behinderung, kurzum im wahren Leben. Mit allem, was dazugehört oder vermisst wird. So wie alle anderen Figuren eben auch.
Die einseitige Darstellung von Menschen mit Behinderungen als „den tragischen Helden“ oder „die Überwinderin“, die einen außergewöhnlichen Umgang damit findet, rückt in den Hintergrund und macht Platz für Handlungen und die Menschen außerhalb der Behinderung oder des Umgangs damit. Dabei geht es natürlich nicht darum, diesen einen Teil zu leugnen, unter den Tisch fallen zu lassen oder zu romantisieren. Wichtig ist nur, ihn nicht als einziges und immerwährend vorrangiges Merkmal darzustellen.
Liebeskummer, der Kratzer im Lackschuh, die Karriereleiter, Klatsch und Tratsch, Kindererziehung, Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, sind also beispielsweise ebenso Teil des Lebens von Menschen mit Behinderung.
Und mehr als das: All jene und andere Dinge können im Leben eines Menschen mit Behinderung tatsächlich mehr Raum einnehmen als die Behinderung an sich.
Findest du – speziell beim Thema Behinderung – dass in erster Linie Betroffene zu Wort kommen sollten? Oder ist es auch ohne persönlichen Bezug in Ordnung, Figuren mit Behinderung in die Geschichte einzubauen? Wenn ja, was gilt es dabei zu beachten?
Ich denke schon, dass es in erster Linie von großem Vorteil ist – und unter Umständen sogar unabdingbar –, dass sich Selbstbetroffene zum Thema Behinderung persönlich zu Wort melden.
Sie sind letztendlich doch immer am direktesten beteiligt. Daher können sie als Experten in eigener Sache die jeweilige Wirklichkeit auch am ehesten abbilden und nach außen tragen.
Aber natürlich helfen den Selbstbetroffenen dennoch die Impulse von außen, weil es für manche Situationen andere Perspektiven braucht.
Daher bin ich dafür, dass Selbstbetroffene und auch Menschen ohne persönlichen Bezug in Austausch gehen, sich ergänzen, inspirieren und beide Seiten gemeinsam zu Wort kommen.
Als Nichtbetroffener Figuren mit Behinderung im Alleingang in die Geschichte einzubauen, halte ich, je nach Umfang, für ziemlich gewagt. Ich denke, das funktioniert, ohne direkten Austausch, eventuell nur mit äußerst ausgiebiger und akribischer Recherche, wenn überhaupt.
Die Gefahr, in Klischees, Stereotype oder falsche Abbildungen der Realität abzurutschen, ist als Nichtbetroffener zu groß. Und das täte meiner Meinung nach der Sache an sich, und auch den Autorinnen und Autoren selbst, keinen großen Gefallen. Ganz im Gegenteil. Selbst ich, die nun auf über 40 Jahre Erfahrung mit der eigenen Behinderung zurückgreifen kann, werde auch heute noch von eben dieser vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Vor Herausforderungen, in die ich mich trotz meines Erfahrungsschatzes bis dato nicht hätte hineinversetzen können. Bis ich in diese Situation hineingeriet und dann lernte, damit umzugehen und diese auch nach außen widerspiegeln zu können. Wie soll dann erst jemand Außenstehendes ohne jeglichen Erfahrungsschatz meine oder die Wirklichkeit eines anderen Betroffenen wiedergeben können?
Ich denke, es gilt zu beachten, dass sich, trotz erhöhter Achtsamkeit, Empathie, Sensibilität sowie erhöhtem Reflexions- und Vorstellungsvermögen einiges unserer Vorstellungskraft entzieht, solange wir es nicht selbst erlebt haben.
Daher machen wir uns doch lieber das Privileg zunutze, das wir haben: Wir können miteinander kommunizieren, kooperieren und voneinander lernen.
Das Thema Behinderung ist teils auch mit vielen positiven Klischees behaftet – das Kind mit Down-Syndrom ist dann immer der Sonnenschein und alle anderen lernen ganz viel von den Menschen, die ihr hartes Schicksal mit schwerer Behinderung so gut meistern. Was hältst du davon?
Genaueres darüber schrieb ich einmal in meinem Text Hört auf, mich zu bewundern. Den gesamten Text hier auszuführen, würde vermutlich zu weit führen, aber der Titel spricht vielleicht auch schon für sich. Ich war zum Beispiel in den vergangenen Jahren immer wieder irritiert darüber, warum ich andauernd dafür bewundert wurde, dass ich mich des Lebens freue, trotz meines „schweren Schicksals“. Ich fühle mich eigentlich nur krank, wenn ich eine Erkältung habe, mein Magen verstimmt ist oder mir ähnliches passiert. Ich hatte glücklicherweise schon immer tausendundeinen Grund dafür, mich des Lebens zu freuen, und selten das Gefühl, ich müsse ein schweres Schicksal tragen, auch wenn ich es einige Male nicht einfach hatte. Nach meinem Gefühl waren diese Aussagen vielmehr anstößige Irritation als ein Kompliment, obwohl mein Verstand schon verstand, dass es als Kompliment gemeint gewesen war. Dabei dachte ich im Stillen immer: Du freust dich doch auch?! Warum sollte ich es denn nicht ebenso tun?! Was soll denn nun schon wieder so „anders“ an mir sein im Vergleich zu dir? Einerseits können positive Klischees wie „ist immer der Sonnenschein“ oder „für jede Kleinigkeit dankbar“ natürlich förderlich sein, etwa weil sie die Zugewandtheit (und damit auch die Inklusion) fördern. Auf der anderen Seite wecken sie aber auch Erwartungen, die unmöglich jederzeit erfüllt werden können. Unter Umständen bauen sie somit Druck auf. Und zwar den, diesen Erwartungen für jede erhaltene Unterstützung andauernd gerecht werden zu müssen, oder aber sich besonders beweisen zu müssen, um „etwas wert zu sein“. Auch wenn ich wirklich schon oft genug erfahren habe, worauf es im Leben wirklich ankommt, habe ich doch ebenso ein Recht darauf, mich mal über Belanglosigkeiten wie das schlechte Wetter aufzuregen oder undankbar zu sein, wenn die Suppe versalzen wurde.
Und ich kann und möchte mich auch nicht immer mehr als andere beweisen müssen, um das Gefühl zu erhalten, dazuzugehören. Ein realistischerer und differenzierterer Blick auf das Thema ist und bleibt in meinen Augen immer vorteilhafter, um die tatsächlichen Bedürfnisse, Wünsche und Rechte von Menschen mit Behinderung anzuerkennen und um Raum für ihre individuelle Entfaltung zu schaffen.
Viele Menschen haben Angst, irgendetwas zu sagen oder zu schreiben, weil sie niemanden versehentlich verletzen wollen. Wie könnten (fiktive) Bücher hier helfen, mehr Normalität in das Thema zu bringen?
Ich denke, dass Ängste und Unsicherheiten ein Spiegel dafür sind, dass noch mehr Inklusion gefragt ist. Daher kann gut gemachte Literatur hierbei per se schon eine Hilfe sein. Je mehr wir das Thema Behinderung auf angemessene Weise zum Thema machen und offen und authentisch darüber kommunizieren, umso eher lassen sich Ängste und Unsicherheiten abbauen. Es hilft auch, offen und mutig mit der Unbeholfenheit umzugehen. Ich denke, die wenigsten reißen einem den Kopf ab, wenn man sagt: „Hör zu, ich fühle mich total unsicher, möchte aber gerne mehr über dein Leben und dich erfahren, um das ändern zu können. Bitte entschuldige, wenn ich mich auf dem Weg dorthin anfänglich ungeschickt ausdrücke und korrigiere mich gerne.“
Was sind deiner Meinung nach absolute sprachliche No-Gos bei dem Thema Behinderung?
Sehr gerne verweise ich hier auf Raúl Krauthausen. Überhaupt ist das ein Name, den man unbedingt kennen(lernen) sollte, wann immer es um Inklusion und um ein wirklich gelungenes Verständnis davon geht.
Das könnte ich in keinem Fall besser vermitteln.
(Anmerkung der Redaktion: Hier geht es zur Website von Raúl Krauthausen https://raul.de/; seinen Podcast Im Aufzug kann man zum Beispiel über Spotify hören. Er rät unter anderem dazu, „Mensch mit Behinderung“ statt „eine Behinderte“ zu sagen. So wird dieser Mensch nicht auf seine Behinderung reduziert.)
Tina, als Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom: Was freut und was nervt dich in Büchern bei der Darstellung von Menschen mit Behinderung? – Ich finde bei dem Thema die Gruppe der Eltern extrem wichtig, weil sie oft Sprachrohr für ihre Kinder sind, dauernd nach außen kommunizieren (müssen) und manchmal auch einfach den Rücken gestärkt bekommen sollten …
Ganz ärgerlich ist es immer, wenn ich beim Lesen merke, dass sich jemand so gar keine Mühe gegeben hat, sich ernsthaft und empathisch mit einer behinderten Figur zu beschäftigen. Dann entstehen sehr eindimensionale Charaktere, bei denen die Tatsache, dass sie eine Behinderung haben, alles überlagert. Gewissermaßen werden sie so entmenschlicht. Sie sind dann nur das prototypisch „Fremde“, an dem das „normale“ Umfeld sich irgendwie abarbeitet, die Behinderung ist dann nur der Plot.
Wenn ich mir das Segment der Kinderbücher anschaue, ist es schön, wenn zum Beispiel in den ganzen Bilderbüchern, die sich mit der Lebensrealität von Kindern beschäftigen – beim Arztbesuch oder Zoo-Ausflug – ganz selbstverständlich auch Kinder mit Behinderungen vorkommen. – Als Teil dieser Realität und nicht als Story.
Wenn wir über großartige fiktionale Geschichten sprechen, wird es komplexer. Aus meiner Sicht reicht es hier nicht, Figuren mit bestimmten Behinderungsmerkmalen im „Cast“ durchzudeklinieren – im Sinne von: Ich habe da jetzt jemanden im Rollstuhl, fehlt noch jemand mit geistiger Behinderung. Wichtig finde ich, vielschichtige Figuren und Geschichten zu erschaffen, in denen möglichst alle Kinder etwas finden, das sie tief berührt.
Vera, dein zweites Buch ist sehr autobiografisch und deine Muskelatrophie spielt eine zentrale Rolle darin. Hast du das Gefühl, dass das Buch etwas bewegt hat und wenn ja, was?
Auf den ersten Blick hin erfülle ich mit Ein Teelöffel Wasser in gewisser Weise das von mir ungewollte Klischee der „Überwinderin“, die ihr „Schicksal“ auf besondere Weise meistert. Nun muss ich fast ein bisschen darüber schmunzeln. Und ich muss zugeben, ich gestehe das nur widerwillig. 😉 Zu meiner Verteidigung kann ich aber sagen, dass, anders als es den Anschein macht, für mich meine Muskelerkrankung hierin eben nicht die zentrale Rolle spielt. Sie ist für meine Geschichte bloß der Aufhänger, ein Initiator. Es hätte beispielsweise genauso gut eine Fastenkur, eine Weltreise, eine Trennung, ein Absturz vom Grand Canyon oder eine Zeit im Gefängnis sein können, die mich zu meinem zweiten Buch inspiriert hätte oder dazu, mich selbst zu finden. Sie ist eigentlich austauschbar und ab einem gewissen Moment unwichtig. Was stattdessen im Vordergrund steht, ist das, was meine Leser:innen tatsächlich und glücklicherweise auch am meisten bewegt hat: dass das Glück weniger mit den äußeren Umständen zu tun hat als mit einem Selbst.
Ich selber kann mich kaum bewegen und bewege dennoch eine Vielzahl von Menschen. Und mich selbst.
Es ist eine Liebeserklärung an das Leben und das Menschsein in all seinen Facetten. Ich spare dabei nichts aus; nicht einmal die dunkelsten Stunden. Mein Buch beschreibt mich als Sinnsuchende und Glückfindende und inspiriert dazu, es selber auch zu sein.
Die Rückmeldung, die mich wiederum am meisten bewegt hat, ist, dass sich einer meiner Leser für die Frage interessiert hat, ob ich manchmal grüne Socken trage. Das hat mich in meinem eigentlichen und unbezahlbar schönen Lebensgefühl bestätigt, wie nebensächlich Muskelschwund doch sein kann. Und das, obwohl er mich mein Leben lang begleitet, mir bereits zweimal beinahe das Leben genommen hätte und mich in den anderen Zeiten mitten ins Leben bringt.
Lesen ist wahrscheinlich eines der kulturellen Vergnügen, das mit am inklusivsten funktioniert. Aber wie können gerade Menschen mit schwerer Behinderung noch besser mit Büchern erreicht und vor allem angesprochen werden?
Lesen ist tatsächlich eines der inklusivsten kulturellen Vergnügen, zumal der Zugang hierzu vielen Menschen in unterschiedlichsten Sprachen und Formaten (analog oder digital) zur Verfügung steht, unabhängig von Alter, Herkunft oder körperlichen Einschränkungen
Verbesserungsbedarf sehe ich hier vorrangig in der Literatur-Zugänglichkeit für Menschen mit Sehbehinderungen. Leider gibt es zum Beispiel nicht alle Bücher in Blindenschrift, oder nicht jeder, der blind oder sehbehindert ist, kann Braille lesen (lernen). Weshalb Audiobücher oder spezialisierte digitale Formate wie E-Books mit Vorlesefunktionen für viele Menschen eine wichtigere Rolle spielen.
Ein zusätzlicher Bereich wäre zudem, was wir bereits angesprochen haben. Mehr Raum in der Literatur für Menschen mit Behinderung würden sicher auch das Verständnis und die Empathie in der breiten Masse und damit auch die Inklusion fördern.
Für Menschen mit Behinderung kann es deutlich schwerer sein, sich auf dem Buchmarkt zu etablieren, obwohl ihre Stimmen doch so nötig sind. Was sind deine Wünsche an den Buchmarkt, die Verlagswelt und an die Leser:innen?
Bitte seid ein bisschen „ver-rückt“, bewegt uns – und euch mit uns mit. Seid offen, mutig, innovativ, experimentell, spielerisch und willens, den Stimmen eine Plattform zu geben, die etwas Neues zu sagen haben. Seid offen für etwas, das Exklusion und Missverhältnisse abbaut, Inklusion fördert, Vielfalt und Bereicherung bietet. Ich wünsche mir außerdem mehr inklusive Kinderbücher, sodass Kinder bereits in frühen Jahren mit dem Thema Behinderung in Kontakt kommen und Inklusion früh beginnt. Als kleines Mädchen wurde ich von anderen Kindern oft mit großen, weit aufgerissenen Augen angestarrt. Oder es wurde mit dem Finger auf mich gezeigt mit den Worten: „Mama, was ist das? Warum kann die nicht laufen?“ Ich konnte es den Kindern nicht übel nehmen. Sie sind natürlich neugierig (und das ist auch auf natürliche Weise richtig so) und wussten es nicht besser. Also war ich eben die „Außerirdische“.
Vielleicht ist wirkliche Inklusion erst dann vollständig gelungen, wenn diese gar nicht mehr erst thematisiert werden muss …
Tina, der mittendrin e.V. hat auf der lit.COLOGNE eine Veranstaltung eingeführt, bei der die Texte junger Menschen mit geistigen Behinderungen vorgetragen werden – vor einem großen Publikum von Annette Frier und Michael Kessler. (www.litcologne.de/de/programm/lit-cologne-25/remix-klappe-die-sechste-mit-annette-frier-und-michael-kessler-vom-chlodwigplatz-bis-nach-hollywood) Es sind Texte, die sie vorher in einer Schreibwerkstatt unter der Anleitung von Florian Cieslik geschrieben haben, der Lyriker und Slam-Poet ist. Das Format Remix ging im Frühjahr 2025 schon in die sechste Runde und wird großartig angenommen. Manche meinen, so ein Projekt sei ein „Gefallen“ für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Behinderung. Tatsächlich aber ist es das eben nicht, sondern eine große Bereicherung für alle …
Ja, wir wollten ein Format entwickeln, das in einen etablierten Festivalzusammenhang einen ganz neuen Sound einbringt, der unerwartet, authentisch, eigensinnig und bislang meist ungehört ist. Wir waren davon überzeugt, dass die Stimmen der jungen Autorinnen und Autoren eine echte Bereicherung des Festival-Programms sein können. Trotzdem war die erste Remix-Ausgabe ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Nun ist das Format ein solcher Publikumserfolg. Aus meiner Sicht liegt ein Teil dieses Erfolgs darin begründet, dass die jungen Schreibtalente mit Motiven aus Texten der Weltliteratur spielen. Bei der letzten Festivalausgabe waren es Filmmotive. Das gibt so einen gemeinsamen Referenzpunkt, an den alle andocken können – Publikum und Schreibende. Menschen mit Lernschwierigkeiten haben hier eine echte Gabe, einen tiefen Kern dieser Texte offenzulegen, und so etwas über unser Sein als Menschen in dieser Welt zu erzählen. – Aus einer ganz eigenen Perspektive heraus. Das wird von allen als Bereicherung erlebt.
Teil des Literaturmarkts zu werden ist für Neulinge ohne jegliche Einschränkungen schon extrem schwer, und manchmal braucht man ein dickes Fell, um mit Feedback umzugehen. Warum ermuntert ihr junge Menschen, die es noch einmal schwerer haben dennoch, sich literarisch auszudrücken und damit an die Öffentlichkeit zu gehen?
Mit Remix bewegen wir uns natürlich nicht auf dem professionellen Buchmarkt. Es ist ein Projekt für Laien, die sich schreibend ein Stück Welt erobern wollen. Wir haben hierbei die Erfahrung gemacht, dass die jungen Menschen das als sehr empowernd erleben. Viele berichten mir, dass sie jetzt regelmäßig auch zu Hause schreiben und freuen sich das ganze Jahr über auf die nächste Remix-Ausgabe. Die Arbeit in der Schreibwerkstatt ist sehr intensiv, sie werden richtig gefordert und wachsen so häufig über sich hinaus. Wir sprechen hier über Menschen, die in unserer Gesellschaft, insbesondere auch in den Schulen, meist komplett unterschätzt und unterfordert werden. Die Kulturtechnik „Lesen und Schreiben“ steht nicht im Fokus des Bildungsgangs „Geistige Entwicklung“, in dem ein Großteil unserer Autorinnen und Autoren in der Schule unterrichtet wurde. Das ist für viele eine neue Erfahrung, die sie als große Bereicherung für ihr Leben empfinden. Remix kann auch als Appell an alle in Schule und kultureller Bildung Tätige verstanden werden, diesen Menschen Bildung ernsthaft zugänglich zu machen.
Herzlichen Dank für das Interview und an Anke Gasch / der Federwelt für die Freigabe.